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20.09.2011

Studie: Zahlt die Versicherung bei Dürre zu oft, droht Landwirten der Ruin

Versicherungen können Landwirten helfen, Trockenperioden zu überleben. Sie können aber auch langfristig zur Überweidung führen und damit deren Existenz bedrohen, wenn die Versicherung bereits bei einer mittleren Dürre zahlt und Landwirte deswegen ihre Bewirtschaftung ändern. Das ist das Ergebnis der weltweit ersten Studie zu den ökologischen Auswirkungen von Regen-Index-Versicherungen.

Da die internationale Staatengemeinschaft auf der UN-Klimakonferenz in Cancun einen Fond beschlossen hat, mit dem ab 2020 die Industriestaaten die Entwicklungsländer mit 100 Milliarden Dollar pro Jahr unter anderem für Klimaanpassung unterstützen wollen, könnten solche Regen-Index-Versicherungen in den nächsten Jahren einen Boom erleben.

Bild: Pixelio/Stihl024Die Politik sollte daher besonders vorsichtig sein, wenn sie solche Versicherungen zum Beispiel mit Subventionen unterstütze, so die Autoren der Studie. Nur wenn Ökologie und Ökonomie berücksichtigt würden, könnten negative Auswirkungen auf die Ökosysteme verhindert und so die Existenz der Landwirte langfristig gesichert werden, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt Ecological Economics.

Regen-Index-Versicherungen sichern Landwirte gegen Wetterkatastrophen ab. Diese müssen ihre Schäden nicht wie sonst üblich konkret nachweisen, die Auszahlung ist stattdessen an einen vorher festgelegten Regenindex gekoppelt. Fällt weniger Regen als der vereinbarte Schwellenwert, dann erhalten die Landwirte die vertraglich vereinbarte Entschädigung, die ihnen das Überleben sichern soll. Von der Entwicklungshilfe werden die Versicherungen daher als ein Konzept gegen Hungersnöte durch Trockenheit angesehen wie sie beispielsweise zurzeit in Ostafrika herrschen. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogrammes (WFP) waren 2009 bereits etwa eine Million Menschen mit einer Gesamtsumme von rund einer Milliarde US-Dollar auf diese Weise versichert. Etwa eine Milliarde Menschen weltweit, insbesondere in Trockengebieten, sind von Viehzucht abhängig und so durch ausbleibende Niederschläge in ihrer Existenz bedroht.

2006 hatte ein französischer Rückversicherungskonzern mit Unterstützung der Vereinten Nationen erstmals in großem Maßstab äthiopische Landwirte versichert. Weitere Projekte laufen dazu in verschiedensten Ländern mit Unterstützung der Weltbank. Ab November 2011 will ein Schweizer Rückversicherungskonzern arme Bauern in Äthiopien und drei anderen Ländern mit bis zu 28 Millionen US-Dollar gegen Klimarisiken versichern. Mit über zwei Millionen Policen ist Indien zurzeit das Land mit den meisten Regen-Index-Versicherungen.

Das Einkommen von Viehzüchtern in semi-ariden Gebieten ist meist abhängig vom jährlichen Niederschlag, daher können solche Versicherungen ein effektiver Schutz gegen solche Risiken sein. Die Vorteile dieser Art von Versicherungen liegen daher auf der Hand, aber ihre Einführung ist nicht einfach: Landwirte ohne Erfahrungen mit Versicherungen sind oft nicht leicht davon zu überzeugen, dass sie davon profitieren könnten. Die Mehrzahl der potentiellen Kunden zählt zu den Ärmsten der Armen, die tagtäglich um ihr Überleben kämpfen. Dazu kommt noch, dass Regen-Index-Versicherungen ein umfangreiches Messnetz an Wetterstationen voraussetzen, das in Entwicklungsländern so meist nicht existiert.

Zu den sozialen und technischen Hürden können auch noch ökologische Folgen kommen, wie Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Leuphana Universität Lüneburg in einer Studie jetzt gezeigt haben. Dazu simulierten sie anhand eines einfachen Beweidungsmodells, das auf Untersuchungen an kommerziellen Viehzüchtern im südlichen Afrika basiert, wie solche Versicherungen die Arbeitsweise der Landwirte beeinflussen. Das Ergebnis war eindeutig: Je höher der Regenschwellenwert, ab dem die Versicherung zahlt, desto geringer sind die Anreize eine nachhaltige Beweidungsform zu wählen. Traditionell unterteilen diese Viehzüchter ihre Weiden und schonen in regenreichen Jahren einen Teil der Fläche, auf dem sich das Gras dann besser regenerieren kann und das später als Reserve für trockene Jahre zur Verfügung steht. Diese Vorsorge könnte künftig entfallen, wenn die Versicherung zu häufig für Einkommensverluste aufkommt, fürchten die Wissenschaftler.

Die Studie macht auch Vorschläge, wie die Versicherung gestaltet sein muss, um ökologische Schäden zu verhindern. Wird nur in extremen Dürren ausgezahlt, sind die Landwirte darauf angewiesen in mittleren Dürren ihre natürliche Risikomanagementstrategie anzuwenden, die die langfristige Weidequalität zu erhalten hilft. „Eine natürliche Risikomanagementstrategie hat zwei Effekte: Sie ist eine Investition in die Zukunft und hilft zugleich, kurzfristige Risiken zu managen. Eine Versicherung kann aber nur kurzfristig das Risiko minimieren und hat daher diesen langfristigen Effekt nicht", erklärt Dr. Birgit Müller vom UFZ. Wird nun mehr Vieh auf der gleichen Fläche gehalten, könnte die Abkehr von einer nachhaltigen Bewirtschaftung eine Lawine auslösen: Steigt der Weidedruck, dann sinkt die Regenerationszeit und damit die Produktivität, gleichzeitig wird mehr Boden erodiert und Verwüstung in diesen Trockengebieten nimmt zu. Damit ist nun belegt, dass auch Regen-Index-Versicherungen genau wie andere Versicherungen die Landwirte motivieren, mehr Risiken einzugehen, die sich in ökologischen Folgen wie höherer Stickstoff- und Pestizideinsatz, gestiegener Wasserverbrauch, verringerte Biodiversität oder verstärkte Bodenerosion bemerkbar machen können. Bereits jetzt ist die Erosion und Desertifikation von Feldern und Weiden in Trockengebieten ein großes Problem, das nach UN-Schätzungen jährlich zu Einkommensverlusten von etwa 42 Milliarden US-Dollar führt.
Tilo Arnhold

Publikation: Birgit Müller, Martin F. Quaas, Karin Frank and Stefan Baumgärtner (2011): Pitfalls and potential of institutional change: Rain-index insurance and the sustainability of rangeland management. Ecological Economics. 70(11), 2137-2144. http://dx.doi.org/10.1016/j.ecolecon.2011.06.011

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Quelle: Helmholtz-Zentrum

© Bild: Pixelio/Stihl024


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