Gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)
Quelle: ergonoMedia/photocase.com und sepphuberbauer/photocase.com

04.03.2012

Mit Schneekanonen gegen Klimawandel - «Sündenfall im Ski-Paradies»

Der Klimawandel wird die Alpen ganz besonders treffen. Expertenerwarten mehr Regen und steigende Schneegrenzen. Kunstschnee soll denWintertourismus retten - Umweltschützer protestieren.

München/Bayrischzell - Braungrüne Wiesen statt weiße Pisten - immer öfter trifft dieses touristische Horrorszenario die bayerischen Wintersportorte. Der Klimawandel wird sich den Prognosen zufolge besonders in dem sensiblen Alpenraum auswirken. Die Skigebiete rüsten mit Schneekanonen auf. Das sei der einzige Weg, die Zukunft des Tourismus zu sichern, argumentieren Gemeinden und Liftbetreiber.

Umweltschützer kritisieren das als falsche Waffe gegen die Erwärmung - alternative touristische Konzepte müssten her. «Es ist in Zeiten des Klimawandels das völlig falsche Signal, auf den Skitourismus in Bayern zu setzen», warnt Michael Pröttel von der Gruppe Mountain Wilderness Deutschland. Es gehe künftig um den Sommertourismus. Wenn es wärmer werde, könnten sich Urlauberströme von südlichen Zielen in die Alpen verlagern.

Bild: Wikimedia / Birke CC3.0«Man darf die Berge nicht so verschandeln, dass der Gast das nicht mehr findet, was er sucht: die heile Bergwelt.» Beschneiungsanlagen kosteten Energie, brächten den Wasserhaushalt durcheinander und zerstörten Landschaften - wie auch das Roden und Planieren von Pisten. Massiv kritisieren Naturschützer zwei geplante Speicherseen für Schneekanonen am Brauneck bei Lenggries und am Sudelfeld bei Bayrischzell - beides beliebte Ausflugsgebiete. «15 000 m2 Wahnsinn» konnten Skifahrer am Sonntag am Sudelfeld in blauen Lettern im Schnee lesen.

Aktivisten verteilten Faltblätter mit der Überschrift «Sündenfall im Ski-Paradies». Der Teich solle 15 000 Quadratmeter groß sein und einen 38 Meter hohen Damm bekommen. Bis zu 250 Schneekanonen sollen aufgestellt und 17 Kilometer Leitungen in den Wiesen vergraben werden. Dabei werden nach einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD/Paris) die meisten bayerischen Skigebiete langfristig verschwinden, darunter auch das Sudelfeld.

Bei einer Erwärmung um vier Grad wäre laut OECD in Deutschland nur die Zugspitze schneesicher. Genau um vier Grad könnte die Temperatur sich nach Schätzungen für Süddeutschland aber bis zum Ende des Jahrhunderts erhöhen. Im Alpenraum steigt die Temperatur schon jetzt schnell: In den vergangenen 50 Jahren war die Erwärmung mit etwa 1,2 Grad doppelt so hoch wie weltweit. Trotzdem wurde die Beschneiung in Bayern massiv ausgebaut: Von 2003 bis 2010 vergrößerte sich die beschneite Pistenfläche laut Landesamt für Umwelt von rund 400 Hektar auf gut 700 Hektar.

Umweltorganisationen, darunter Deutscher Alpenverein, Bund Naturschutz, Alpenschutzkommission Cipra und Mountain Wilderness, planen eine Petition an den Landtag - gegen den Teich am Sudelfeld und gegen eine staatliche Förderung. Das Wirtschaftsministerium subventioniert mit dem Seilbahnförderprogramm von 2009 auch Beschneiungsanlagen. 22 Lifte und andere Anlagen wurden bisher mit rund 10 Millionen Euro unterstützt. Seit Frühjahr 2010 sei aber keine Beschneiung mehr gefördert worden: Da es vor allem um eine Stärkung des Sommertourismus gehe, würden Beschneiungsanlagen für sich nicht gefördert, sondern nur bei einer Modernisierung der Seilbahnanlage. «Die Schneekanonen sind allenfalls eine Übergangslösung - und versperren den Blick der Gemeinde, sich touristisch anders aufzustellen», warnt Thomas Frey vom Bund Naturschutz in Bayern.

Schon jetzt zeige sich die begrenzte Einsatzmöglichkeit. «Vor Weihnachten, als die Schneekanonen die Beschneidung hätten machen sollen, war es gar nicht kalt genug.» Denn in Bayern kann nur bei knapp über Null Grad beschneit werden, weil der Einsatz chemischer Substanzen zur Erhöhung des Gefrierpunkts verboten ist.

Bayrischzell sieht dennoch die Beschneiung als einzige Chance. Die Übernachtungszahlen seien um 50 Prozent zurückgegangen, sagt Tourismusmanager Harald Gmeiner. «Wir sind touristisch an einer Minimalgrenze. Wir müssen schauen, dass etwas weitergeht», sagt Gmeiner. «Entweder wir investieren - oder wir sterben.» Liftanlagen und Hotels müssten modernisiert werden. Das aber täten Investoren nur, wenn der Skibetrieb wenigstens für 100 Tage im Jahr garantiert werden könne - und das wiederum gehe eben nur mit dem Kunstschnee.


Von Sabine Dobel, dpa

© Bild: Wikimedia / Birke CC3.0



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