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Kemfert: Die Abkehr vom Öl dauert zu lange (16.06.2010)

Wann sagt die Menschheit dem Öl adieu? Die Klimaökonomin Claudia Kemfert sagt im dpa-Interview, dass noch immer viel zu wenig für die Energiewende getan werde - auch US-Präsident Obama sei zu langsam.


Claudia Kemfert Bild: Marc DarchingerBerlin - Wann kommt der Abschied vom Öl? Die Prognosen gehen auseinander. Während manche Studien den Weg zu einer weitgehend grünen Energieversorgung bis zum Jahr 2050 aufzeigen, rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) damit, dass der Anstieg des weltweiten Energiebedarfs zumindest bis 2030 noch zu drei Vierteln von fossilen Brennstoffen gedeckt wird.

Eine wirkliche Alternative zur Energiewende hat die Welt jedoch nicht, betont die Berliner Klimaökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professorin für Energieökonomie an der Hertie School of Governance im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Für einen schnellen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen werde allerdings zurzeit nicht genug getan.

Kann die Energieversorgung der Welt bis zum Jahr 2050 auf Öl verzichten?

Kemfert: «Möglich ist alles, die Frage ist, wie man das politisch umsetzt und welche Zeithorizonte man betrachtet. Wenn man so weitermacht wie bisher, wird man es global nicht einmal schaffen, auf 50 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 zu kommen. In der Energiewirtschaft herrschen ganz andere Zeitzyklen. Der Aufbau von Kraftwerken und einer neuer Infrastruktur sowie umfassenden Energiespeichern und der Einsatz alternativer Kraftstoffe dauert Jahrzehnte. Wenn man den Anteil der erneuerbare Energien an der Energieversorgung wirklich auf 100 Prozent in den kommenden 40 Jahren erreichen möchte, hätte man vor 20 Jahren beginnen müssen.»

Wie schnell würde sich eine Energiewende überhaupt bemerkbar machen?

Kemfert: «Wenn wir heute alles tun, um die Autos auf nachhaltige Kraftstoffe umzustellen, die Infrastruktur ausbauen und alle Gebäude dämmen, würde man frühestens in 15 Jahren eine substanzielle Reduktion der globalen Ölnachfrage sehen. Das heißt nicht, dass wir dann weg sind vom Öl. Der Großteil des Öls wird für die Mobilität genutzt und fast alle Fahrzeuge, die derzeit verkauft werden, nutzen Öl als Treibstoff. Wenn man global wirklich den Hebel umlegen wollte, müsste man ab heute auch wirklich neue Modelle mit anderen Antrieben an den Markt bringen. Das passiert aber nicht. Und deswegen sind 15 Jahre noch eine sehr optimistische Schätzung. Ich denke, es wird deutlich länger dauern, bis man wirklich eine Veränderung sieht.»

Wer hat das in der Hand?

Kemfert: «Die Politik muss das steuern. Amerika beispielsweise verbraucht doppelt so viel Energie wie Europa. Da ließe sich leicht durch Energiesparen schon sehr viel erzielen. Amerika würde sich auch unabhängiger machen, auch von solchen Ölkatastrophen wie jetzt im Golf von Mexiko. Die Gebäude dort verschlingen enorme Energiemengen, und die Mobilität ist unglaublich billig. Wir haben in vielen Ländern der Welt, wie auch in Europa und in Deutschland, Energiesteuern, die helfen, um energieeffizienter zu werden. Unsere Volkswirtschaft basiert auf billigem Öl. Politische Entscheidungen, Öl künstlich zu verteuern, sind unpopulär. Obama hat viel zu lang gewartet, sich des Energiethemas anzunehmen und er geht auch jetzt nicht die notwendigen Schritte. Das ist bedauerlich und wird bei der Lösung des Problems leider nicht helfen. Aber uns bleibt ja gar nichts anderes übrig als wegzugehen von der fossilen Energie. Öl wird knapper und teurer, Gas wird knapper und teurer, Kohle steht zwar noch länger zur Verfügung, befeuert aber den Klimawandel. Es ist keine Frage, ob wir zu einer Welt mit grünen, erneuerbaren Techniken kommen, die Frage ist nur, wann wir dort hinkommen und welche Schritte dazu nötig sind.»


Interview: Till Mundzeck, dpa


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