Berlin/Potsdam - Die Sonne glitzert in den Wasserlöchern, im Schilf tummeln sich Kraniche und Rohrdommeln. Doch die Idylle trügt.
Deutschlands Moorlandschaften sind tickende Zeitbomben. Denn: Trocknen diese Feuchtgebiete aus - und das geschieht seit Jahrzehnten in immer bedrohlicherem Ausmaß - wird das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) freigesetzt. «Jährlich werden etwa zehn Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes dadurch verursacht, dass Moore nicht vor dem Austrocknen bewahrt werden und durch verheerende Moorbrände vor allem in Asien», erläutert der Referent für Natur- und Artenschutz beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), Magnus Wessel.
Und da in Mooren 30 Prozent des Kohlenstoff-Vorkommens auf dem Festland gespeichert sind, droht das Drama weiter seinen Lauf zu nehmen. «Deswegen muss die neue Bundesregierung dringend ein Moor- Rettungsprogramm auflegen», fordert Wessel. Dies wäre nicht nur zum Erreichen der Klimaschutzziele unerlässlich, sondern auch zum Erhalt der seltenen Fauna und Flora in diesen Gebieten. «So gibt es zum Beispiel in Hochmooren wenig Nahrung, viel Wasser und eine saure Umgebung und die Tiere und Pflanzen, die sich darauf eingestellt haben, können woanders nicht oder nur schwer leben.»
Das gilt etwa für den fleischfressenden Sonnentau oder auch den Seggenrohrsänger. Für den Vogel ist es möglicherweise aber schon zu spät: «Vor 100 Jahren gab es noch weit über 100 000 Exemplare allein in Brandenburg - im Sommer 2008 haben wir, wie wir heute wissen, das vorerst letzte singende Männchen in ganz Deutschland erfasst», sagt der Präsident des Brandenburger Landesumweltamtes, Matthias Freude.
Brandenburg gehört mit rund 260 000 Hektar zu den moorreichsten Bundesländern - allerdings: «Nur noch zwei Prozent unserer Moore wachsen noch - sind also noch richtig lebendig.» Auf 1,35 Millionen Hektar erstrecken sich laut NABU Moorlandschaften in Deutschland, das ist fast die doppelte Fläche Hamburgs. Zwar dürften viele unwiederbringlich verloren sein, aber nicht alle. «Wir fordern bis 2015, auf der Hälfte der für eine Renaturierung geeigneten Flächen konkrete Maßnahmen zur Wiederbelebung umzusetzen», betont Wessel.
Die meisten Moore in Deutschland sind Niedermoore - sie speisen sich aus Grundwasser - und Hochmoore, die durch Regen ihr Wasser bekommen. Um die Gebiete für die Landwirtschaft zu nutzen, seien sie über Jahrzehnte mit Entwässerungsgräben durchzogen worden. Aber auch für den Torfabbau wurden Moore trockengelegt.
Einige Bundesländer haben schon etwas getan für die Rettung der Moore und damit zum Eindämmen des Ausstoßes von CO2 und von Lachgas, das ebenfalls beim Austrocknen freigesetzt wird. So wurde im Sommer im Alpenvorland das Naturschutzprojekt «Allgäuer Moorallianz» gestartet - Bund und Land geben 7,1 Millionen Euro. Brandenburg hat laut Freude mehr als 3000 Hektar Moorfläche wieder vernässt. «Das ist aber ein Tropfen auf den heißen Stein.»
Ein bundesweites Programm zur Rettung der Moorlandschaften dürfte nach Einschätzung des NABU einige Probleme mit sich bringen - so müssten Landwirte ebenso entschädigt werden wie Firmen, die eine langfristige Genehmigung zum Torfabbau haben. Der Deutsche Bauernverband hält eine Wiedervernässung von landwirtschaftlichen Nutzflächen auf Moorstandorten für unverhältnismäßig. «In manchen Regionen würden in großem Umfang landwirtschaftliche Existenzen gefährden werden», mahnt Umweltreferent Steffen Pingen.
Auch bestehe die Gefahr, dass mit einer Überstauung der Moor- Flächen dem Klimaschutz wiederum ein Bärendienst erwiesen würde - weil dann nämlich Methan freigesetzt würde. Zudem ergänzt Pingen: «Es bringt wenig, in Deutschland aufwendig wiederzuvernässen, wenn gleichzeitig in Übersee der Regenwald abgeholzt wird.»
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