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Angst vor Klima-Katastrophe - EU sucht nach Auswegen (10.03.2008)

Brüssel - Europa droht ein neuer Ansturm von Flüchtlingen, denen die Ernte verdorrt oder die eigene Heimat unter den Füßen versinkt. Die Folgen des globalen Klimawandels - Dürreperioden, Flutkatastrophen, aber vor allem der schleichende Anstieg des Meeresspiegels - lassen die alten Rezepte und Konzepte der internationalen Sicherheitspolitik immer überholter erscheinen.


Frau mit KindDas hat nun auch die Europäische Union erkannt. Auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs will EU- Chefdiplomat Javier Solana in der kommenden Woche in Brüssel höchstpersönlich Alarm schlagen: Wenn der Teufelskreis aus Armut, Klimaschäden und Kampf um Rohstoffe nicht endlich ernst genommen werde, könnten bald Millionen von Klima-Migranten an der Türschwelle der Union stehen. «Die Risiken des Klimawandels sind real, seine Auswirkungen sind zu sehen», heißt es in einem Papier, das Beamte seines Stabes mit Fachleuten aus der EU-Kommission vorbereitet haben.

Bereits am Montag will der EU-Außenbeauftragte seine Analyse den Außenministern vorlegen. Schon jetzt ist klar, dass die Studie jede Menge politische Sprengkraft birgt. «Der Klimawandel wird Europas natürliche Umwelt und fast alle Bereiche seiner Gesellschaft und Wirtschaft massiv beeinflussen», warnen die Autoren in ihrem Krisenszenario. Das Abschmelzen der Polarkappen und die Zunahme schwerster Wetterkapriolen zählen laut EU-Studie zu den größten Menetekeln für Europas Sicherheit. «Die Küstenzonen sind die Heimat von etwa einem Fünftel der Weltbevölkerung.

Der Anstieg des Meeresspiegels ist für diese Regionen eine ernsthafte Bedrohung.» Folglich dürfte der Druck auf den reichen Norden, zur Abwehr künftiger Völkerwanderungen mehr Entwicklungs- und Nothilfe zu leisten, rapide anwachsen. Doch damit nicht genug. Eine neue Welle von Klima-Flüchtlingen gilt nicht mehr als Endzeitvorstellung, sondern als konkrete Gefahr. «Diejenigen Teile der Bevölkerung, die schon unter schlechten Gesundheitsbedingungen, Arbeitslosigkeit oder sozialer Ausgrenzung leiden, werden durch die Effekte des Klimawandels noch verwundbarer.» Derlei «umweltbedingte Migration» könnte Konflikte in den Transit- und Zielländern der unfreiwilligen Emigranten verschärfen.

Besonders akuter Handlungsbedarf bestehe beim Lebenselixier Nummer eins - dem Wasser. Die Verwüstung und Versteppung in Afrikas Sahelzone lässt immer mehr Wasserquellen versiegen. Das Agrarland könnte dort um bis zu 75 Prozent schrumpfen, im schlimmsten Fall dürfte der Hunger Abermillionen von Menschen gen Norden treiben. «Die Gesamtwirkung ist, dass Konflikte um knapper werdende Ressourcen angeheizt werden.» Im Nahen Osten sei nicht auszuschließen, dass die seit Jahren brodelnde Auseinandersetzung um das Wasser des Jordan ausufert «und die Stabilität einer für Europa strategischen Region» gefährdet.

Dass schließlich die aus Wasserkraft und Bodenschätzen gewonnene Energie immer öfter als machtpolitische Trumpfkarte eingesetzt wird, liegt spätestens seit dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine Anfang 2006 auf der Hand. Erst in der vergangenen Woche war das Tauziehen zwischen Moskau und Kiew wieder aufgeflammt. «Weil viele Rohstoffvorkommen in Staaten mit großen wirtschaftlichen und demografischen Herausforderungen liegen, wird die Instabilität wahrscheinlich zunehmen», mutmaßen die EU-Analysten.

Mehr Krisen und Konflikte vor Europas Haustür ließen der EU gar keine Wahl: Eine neue Art von globaler Umwelt-Diplomatie («Carbon Diplomacy») sei das Gebot der Stunde. Denn der riesige Problemdruck liefert, so zynisch es klingen mag, oft den entscheidenden Anstoß zur Einigung. So bedurfte es in der indonesischen Unruheprovinz Aceh erst der dramatischen Tsunami-Katastrophe vom Dezember 2004, um die Bürgerkriegsparteien zu einem Waffenstillstand zu zwingen. «Der Klimawandel ist ein Schlüsselfeld der internationalen Politik geworden», bilanzieren Solanas Krisenwächter. «Das Bewusstsein dafür muss geschärft werden.»


Von Jan-Henrik Petermann, dpa


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