Die steigenden Temperaturen und schwindenden Eisflächen der Arktis werden sich dem WWF-Experten Martin Sommerkorn zufolge auf die ganze Welt auswirken. «Mit dem Meereis ist eines der Schlüsselelemente des globalen Klimasystems betroffen», sagte der Klima-Experte des Internationalen Arktis-Programms der Umweltschutzorganisation in Oslo am Freitag (17.10.) der Deutschen Presse- Agentur dpa.
«Was die Arktis uns sagt, was sie uns zuschreit, ist, dass wir dringend anfangen müssen, die Treibhausgase zu reduzieren», kommentierte er die Ergebnisse des aktuellen Arktis-Report der US- Klimabehörde NOAA.
Im IPCC-Bericht des Weltklimarates seien die Forscher noch davon ausgegangen, dass die Arktis von 2080 an im Sommer eisfrei sein könnte, sagte Sommerkorn. Nun sei zu befürchten, dass dies schon 50 Jahre früher der Fall sein wird. Mit dem Sommereis schwinde eine gewaltige reflektierende Fläche, die Sonnenstrahlen zurückgeworfen und so die Erwärmung vermindert habe. Klimamodelle zeigten, dass sich in Zeiten schnellen Eisverlustes die Temperaturen über den Landoberflächen in der Region rasant erhöhen.
«Das könnte der Beginn einer gewaltigen Kettenreaktion sein», warnt Sommerkorn. Es bestehe durchaus die Möglichkeit, dass im Meeresboden arktischer Gewässer gebundenes Methaneis zu schmelzen beginnt. Dann würden Unmengen des Treibhausgases freigesetzt.
Die nördlichen Permafrostböden tauten tiefer auf als bisher - und Mikroorganismen setzten dort großflächig Methan und Kohlendioxid frei. Das Tückische des globalen Klimasystems sei, dass sich Schlüsselelemente nicht linear veränderten, sondern in plötzlichen Schüben.
Für jeden der drohenden Prozesse gebe es einen Schwellenwert, ab dem er rasant in Gang komme. «Wir kennen diese Schwellenwerte aber nicht.» Niemand wisse zum Beispiel, ab welcher Temperatur die rasante Freisetzung von Methan beginne. «Wir laufen gerade Gefahr, noch weitere Schlüsselelemente zu kippen», betonte der WWF-Experte.
«Wir dürfen nicht vergessen: Die Entwicklung der Erderwärmung wird auf jeden Fall in den nächsten Jahrzehnten noch so weitergehen.» Im Ökosystem Arktis sei bereits ein massiver Wandel in Gang gesetzt. «Das System basiert auf der Meereiskante», erläutert Sommerkorn. Zugvögel - zum Beispiel aus dem Wattenmeer - und Säuger wie das Walross seien auf Eis und Festland angewiesen, um ihre Jungen großzuziehen und Nahrung zu finden.
Mit dem schwindenden Eis gebe es aber immer weniger Regionen mit beidem, Meereis und Festland. «Die Eisbären-Population wird deshalb voraussichtlich bis Mitte des Jahrhunderts um zwei Drittel schrumpfen», sagte Sommerkorn. «Und da sind schlimme Jahre wie 2007 und 2008 für die Schätzung noch gar nicht berücksichtigt.»
Quelle: dpa / Gespräch: Annett Klimpel
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hat diese Mechanismen als „Kippelemente" oder „Kipppunkte" im Klimasystem Erde bezeichnet und die Hintergründe beschrieben. Lesen Sie hier
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