Berlin/Brüssel - Betrüger haben bei einer weltweiten Internet-Attacke gegen den Emissionshandel mit Verschmutzungs-Rechten drei Millionen Euro Beute allein in Deutschland gemacht. Das bestätigten das Umweltbundesamt (UBA) und die ihr unterstellte Emissionshandelsstelle DEHSt am Mittwoch in Berlin. Das Bundeskriminalamt (BKA) ist eingeschaltet. Der Erwerb von CO2- Zertifikaten (Verschmutzungs-Rechte) berechtigt Kraftwerksbetreiber und energieintensive Industrie wie auch Papier- und Zementfabriken zum begrenzten Ausstoß von Kohlendioxid.
Erfolgreich waren die Täter auch in Tschechien, wie die EU- Kommission mitteilte. Danach wurden 17 nationale Handelsregister der EU geschlossen. Die betroffenen Unternehmen und das UBA haben inzwischen Strafanzeigen gegen Unbekannt erstattet. Von den Fahndern des BKA in Wiesbaden hieß es am Mittwoch: «Wir kennen den Fall und prüfen den Sachverhalt.»
Der Verlust von 3 Millionen Euro betrifft nur sieben von 2000 Kunden des deutschen Handelssystems mit Kohlendioxid(CO)- Zertifikaten. Allerdings gelten sie selbst als nicht ganz schuldlos, wie DEHSt-Leiter Hans-Jürgen Nantke, deutlich machte. Sie seien «leider» auf die e-mail-Anfragen nach Konto-Passwörtern hereingefallen, «obwohl wir immer wieder Warnungen vor dem Phishing (bekannt aus dem Online-Banking) ausgesprochen haben», sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Die Herkunft der Betrüger ist laut Nantke bisher unbekannt: «Es stecken Kriminelle dahinter, die das Handelssystem weltweit mit ihren e-mails überzogen haben. Das war ein gut durchorganisierter Coup.» Um einen typischen Hacker-Angriff auf die Internet-Plattform habe es sich nicht gehandelt.
Innerhalb kurzer Zeit hätten die Betrüger mit den Daten der Geschädigten rund 250 000 CO2-Zertifikate von deren Konten gestohlen und auf ihr Konto nach Dänemark überwiesen, sagte Nantke. Von dort seien die Verschmutzungsrechte mit dem aktuellen Börsenwert von je 12 Euro über weitere Konten geleitet worden. «Dann sind sie an Emissionshändler weiterverkauft worden.» Eine Rückgabepflicht für die unberechtigt erworbenen Emissionen werde geprüft. Die Fälle seien von den sieben Unternehmen bei der Handelsstelle gemeldet worden.
Der Handel mit CO2-Zertifikaten über die Leipziger EEX-Börse und Broker sei nicht gefährdet, betonte Nantke. Die Eintragungen in die amtlichen Datenbanken seien gleich gesperrt worden, nachdem die Behörden am letzten Donnerstag Wind von dem Datendiebstahl bekommen hatten. Von diesem Donnerstag an seien die Register für die Daten- Erfassung wieder geöffnet. Die bisherigen Konto-Zugänge seien jetzt bereits geändert worden. Daneben gelte aus Sicherheitsgründen ohnehin schon, dass die Unternehmen alle 60 Tage das Passwort ändern müssten.
Auch an der Leipziger Börse EEX hieß es, der Börsenhandel sei nicht beeinträchtigt worden. Die Brüsseler EU-Kommission stellt nun Empfehlungen für mehr Sicherheit zusammen und wird sie an die EU- Mitgliedsstaaten senden. Die deutsche Emissionshandelsstelle hatte bereits am letzten Freitag die Unternehmen gewarnt.
Sicherheitsmaßnahmen seien das «Vier-Augen-Prinzip» bei Aufträgen sowie automatische Benachrichtigungen bei der Einloggung im Register. «Klar ist jedoch, dass ein absoluter Schutz vor Betrug (...) immer auch der Mitwirkung durch die Nutzer bedarf.» Die «Financial Times Deutschland» (Mittwoch) hatte über einen groß angelegten Datendiebstahl und Hacker-Angriff auf den Emissionshandel berichtet.
Im Emissionshandel wird der nach EU-Recht in den einzelnen Mitgliedsstaaten zulässige nationale Höchstausstoß von Kohlendioxid auf die Kraftwerksindustrie und andere Industriezweige teilweise kostenlos verteilt. Wer aufgrund einer höheren Produktion mehr CO2- Emissionsrechte benötigt, kann sie sich bei anderen Marktteilnehmern im Börsenhandel kaufen und teilweise ersteigern. Im laufenden Jahr darf die deutsche Industrie höchstens 452 Millionen Tonnen CO2 in die Luft pusten. Davon laufen 41 Millionen Tonnen über Versteigerungen.
Hintergrund: Der Emissionshandel mit CO2-Zertifikaten
Seit 2005 wird in der Europäischen Union (EU) mit Verschmutzungsrechten gehandelt: Unternehmen erhalten dabei Emissions-Zertifikate, die sie zum Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) berechtigen. Nicht benötigte Papiere können weiterverkauft werden. Wer sein Kontingent überschreitet, muss Strafe zahlen. In Deutschland sind dies derzeit 100 Euro pro überschrittener Tonne CO2. CO2 gilt als wesentlicher Verursacher der Erderwärmung.
Grundlage für das EU-Emissionshandelssystem ist das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz von 1997. Erfasst werden energieintensive Industrien - wie etwa Stromanbieter, Stahlwerke und Anlagen der Zement- oder Papierindustrie. Deutschlandweit sind das etwa 1665 Anlagen, die in diesem Jahr höchstens 452 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen dürfen.
Das deutsche System ist von drei Handelsperioden gekennzeichnet:
Vom Frühjahr 2005 an waren die Zertifikate noch kostenlos zugeteilt worden, weshalb die ersten drei Jahre von Fachleuten als klimapolitisch erfolglos gewertet wurden.
Seit 2008 wurden jährlich 10 Prozent verkauft. Seit 2010 wird die Vergabe durch ein ergänzendes Versteigerungsverfahren ergänzt, das 40 Millionen Tonnen - rund 9 Prozent - umfasst.
Ab 2013 wird das System EU-weit und zentral von Brüssel aus geregelt. Geplant ist eine Einbindung aller Industriefirmen mit einem jährlichen CO2-Ausstoß von mehr als 10 000 Tonnen. Die Betriebe dürfen dann nur entsprechend der erworbenen Rechte Kohlendioxid freisetzen.
An der Energiebörse European Energy Exchange (EEX) mit Sitz in Leipzig können die Rechte von anderen Betrieben hinzugekauft werden. Ein Zertifikat berechtigt zum Ausstoß von einer Tonne CO2 und wird aktuell zu 12 Euro gehandelt. Überwachungsbehörde ist die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) des Umweltbundesamtes in Berlin.
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