Nach Vorlage der Zahlen für das erste Quartal 2011/12 (Oktober bis Dezember 2011) ist nun klar: Siemens hat in der Tat einen schlechten Start hingelegt. Die weltweite Konjunktureintrübung ist eine Ursache dafür, bürokratische Fallstricke sind ein anderer Grund.
Wegen Verzögerungen bei der Anbindung neuer Windparks auf hoher See an das Festland musste Siemens im ersten Quartal 203 Millionen Euro abschreiben. Das drückte den Gewinn erheblich. Nachdem im vergangenen Jahr das Geschäft mit der Solarenergie den Konzern teuer zu stehen kam, läuft es nun ausgerechnet bei der Vorzeigetechnologie für die deutsche Energiewende ebenfalls nicht rund.
Dabei ist Siemens als weltweiter Marktführer bei Offshore-Windkraftanlagen in einer hervorragenden Ausgangsposition. Von den insgesamt 866 Megawatt an Offshore-Windkraftanlagen, die voriges Jahr innerhalb der EU neu ans Netz gingen, kamen dem Europäischen Windenergieverband EWEA zufolge 80 Prozent der Leistung von Siemens.
Auch bei der deutschen Energiewende wollte der Konzern glänzen. 10 000 Megawatt, das entspricht etwa der Leistung von acht bis zehn Atomkraftwerken, sollen nach dem Willen der Bundesregierung bis zum Jahr 2020 installiert sein. Offshore-Windkraft werde künftig in Deutschland ein wichtiger Pfeiler bei der Energiewende sein, jubelte Löscher im vergangenen Frühjahr nach der Ankündigung der Bundesregierung zum Atomausstieg. «Viele Windräder werden dabei von Siemens stammen.» Auch bei der Anbindung der Haushalte werde der Konzern eine führende Rolle spielen.
Löscher, der Siemens in einen «grünen Riesen» umwandeln und bis 2014 rund 40 Milliarden Euro mit Umwelttechnologien umsetzen will, zählte auf Rückenwind aus dem Heimatmarkt. Doch da hatte er nicht damit gerechnet, dass es zum Beispiel anders als in Großbritannien bei der Genehmigung von Hochsee-Plattformen für Umspannwerke hierzulande keine standardisierten Genehmigungsverfahren gibt. In Deutschland seien stattdessen bis zu 40 Einzelgenehmigungen bei verschiedenen Behörden notwendig, stöhnt man im Konzern.
«Wir erfinden hier das Rad immer wieder neu», kritisierte ein Sprecher des Siemens-Energiesektors am Dienstag. Statt der zugesagten 30 bis 34 Monate, in denen ein Windkraft-Projekt ans Netz gehen soll, sei eher mit 45 Monaten oder mehr zu rechnen, bekräftigte Löscher. «Das führt zu längeren Zeiten und höheren Kosten.» Ohnehin stehen die Geldgeber, die sich die nicht unerheblichen Risiken bei Offshore-Anlagen aufhalsen wollen, nicht eben Schlange.
So kommt es, dass von den geplanten 10 000 Megawatt bisher nur rund 500 Megawatt installiert sind, und der Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE), Hermann Albers, die Pläne der Bundesregierung bereits für Makulatur hält. Voraussichtlich würden bis 2020 lediglich 6000 bis 7000 Megawatt zur Verfügung stehen, schätzt er.
So pessimistisch will Löscher noch nicht sein. «Heute ist es noch zu früh zu spekulieren», sagte er am Dienstag in München. Der Siemens-Chef setzt nun große Hoffnungen auf die von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Mitte Januar initiierte Arbeitsgruppe «Beschleunigung der Netzanbindung von Offshore-Windparks». Tempo ist für Siemens wichtig: Schließlich hat der Konzern bei fünf derzeit verzögerten Windkraftprojekten 1,6 Milliarden Euro im Feuer.








